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Wenn trockene Augen eigentlich ein Nervenproblem sind

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass bei einem Teil der Patienten mit trockenen Augen nicht nur der Tränenfilm, sondern auch die Nerven der Augenoberfläche und deren Verarbeitung im Nervensystem eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die Hornhaut gehört zu den empfindlichsten Strukturen des Körpers

Die Hornhaut besitzt eine der höchsten Nervendichten des gesamten menschlichen Körpers. Bereits kleinste Veränderungen von Feuchtigkeit, Temperatur oder Luftströmung werden registriert.

Diese hohe Empfindlichkeit schützt die Augenoberfläche im Alltag, kann unter bestimmten Umständen jedoch selbst zur Ursache chronischer Beschwerden werden.

Wenn die Alarmanlage nicht mehr abschaltet

Chronische Schmerzen entstehen heute häufig nicht mehr ausschließlich durch Gewebeschäden, sondern durch eine Überempfindlichkeit des Nervensystems selbst.

Schmerzforscher sprechen hierbei von einer peripheren oder zentralen Sensibilisierung. Das Nervensystem verhält sich dann ähnlich wie eine Alarmanlage mit zu empfindlichem Bewegungsmelder und reagiert bereits auf Reize, die früher problemlos toleriert wurden.

Eine vergleichbare Entwicklung wird mittlerweile auch für einen Teil der Patienten mit trockenem Auge diskutiert.

Warum Beschwerden und Befunde oft nicht zusammenpassen

Viele Betroffene berichten über erhebliche Beschwerden, während die Untersuchungsbefunde vergleichsweise mild erscheinen.

Diese Diskrepanz war lange schwer zu erklären. Heute vermuten Forscher, dass bei einem Teil der Patienten Veränderungen der Schmerzverarbeitung eine Rolle spielen könnten.

Das Auge besitzt seine eigene Schmerzleitung

Die Nerven der Hornhaut leiten ihre Signale nicht direkt ins Gehirn weiter.

Der Weg verläuft über mehrere Stationen:

Hornhaut → Trigeminusnerv → Trigeminusganglion → Hirnstamm → Thalamus → Großhirn

Besonders interessant ist dabei das sogenannte Trigeminusganglion. Hier befinden sich die Zellkörper der sensiblen Nervenfasern des Gesichts und der Hornhaut.

Lange wurden solche Nervenknoten lediglich als passive Durchgangsstationen angesehen. Heute weiß man, dass dort Schmerzsignale verstärkt, abgeschwächt oder verändert werden können.

Ein kleines Gehirn für Schmerzsignale?

Moderne Schmerzforschung zeigt, dass Nervenknoten wie die Spinalganglien keineswegs einfache Kabelverteiler sind.

Sie können Signale filtern, verstärken oder sogar selbst erzeugen. Einige Wissenschaftler sprechen deshalb bereits von kleinen „Mini-Gehirnen" außerhalb des eigentlichen Gehirns.

Für die Augenoberfläche könnte das Trigeminusganglion eine vergleichbare Rolle spielen.

Neue MRT-Studien zeigen Veränderungen im Trigeminusganglion

Im Jahr 2025 konnten Forscher mittels hochauflösender MRT-Techniken erstmals strukturelle Veränderungen des Trigeminusganglions bei Patienten mit chronischen Schmerzen der Augenoberfläche nachweisen.

Dies bedeutet nicht, dass trockene Augen eine Erkrankung des Gehirns sind. Es zeigt jedoch, dass chronische Beschwerden möglicherweise nicht ausschließlich auf der Augenoberfläche entstehen, sondern teilweise auch innerhalb der Schmerzverarbeitung des Nervensystems.

Sind trockene Augen mit Fibromyalgie oder anderen Schmerzsyndromen verwandt?

Patienten mit ausgeprägten Beschwerden über trockene Augen leiden häufiger zusätzlich unter anderen chronischen Schmerzsyndromen wie Fibromyalgie, Migräne oder chronischen Ganzkörperschmerzen.

Diese Beobachtung unterstützt die Annahme, dass ähnliche Mechanismen beteiligt sein könnten.

Welche Rolle spielt das Immunsystem?

Beim Sjögren-Syndrom greift das Immunsystem die Tränen- und Speicheldrüsen an.

Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass bei einigen Patienten zusätzlich kleine Nervenfasern betroffen sein können. Dies wird als Small-Fiber-Neuropathie bezeichnet.

Ob ähnliche Mechanismen auch bei Patienten ohne klassisches Sjögren-Syndrom eine Rolle spielen, ist Gegenstand intensiver Forschung.

Die Hornhaut als Fenster zum Nervensystem

Mit der sogenannten In-vivo-Konfokalmikroskopie lassen sich einzelne Nervenfasern der Hornhaut direkt darstellen.

Forscher konnten bei verschiedenen Erkrankungen Veränderungen dieser Nerven nachweisen, darunter beim Sjögren-Syndrom, bei Diabetes oder bei Small-Fiber-Neuropathien.

Dadurch könnte die Hornhaut zukünftig eine wichtige Rolle bei der Diagnose von Erkrankungen kleiner Nervenfasern spielen.

Was bedeutet das für Betroffene?

Die moderne Forschung verändert den Blick auf trockene Augen.

Das Sicca-Syndrom ist wahrscheinlich nicht immer ausschließlich eine Tränenfilmerkrankung.

Vielmehr scheint es sich bei manchen Patienten um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu handeln:

– Tränenfilmstörung
– Entzündung
– Veränderungen der Hornhautnerven
– Überempfindlichkeit des Nervensystems
– Veränderungen der zentralen Schmerzverarbeitung

Einordnung:
Die hier dargestellten Zusammenhänge sind Gegenstand intensiver aktueller Forschung. Nicht jeder Patient mit trockenen Augen leidet unter einer Beteiligung des Nervensystems. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen jedoch dafür, dass bei einem Teil der Betroffenen neuroimmunologische und neuropathische Mechanismen eine wichtige Rolle spielen könnten.

Wissenschaftliche Quellen

Galor A et al. Neuropathic Pain and Dry Eye. Ocular Surface. 2018.

Vehof J et al. Neuropathic ocular pain due to dry eye is associated with multiple chronic pain syndromes. Journal of Pain. 2016.

Ortug A et al. Microstructural alterations of the trigeminal ganglion in chronic ocular surface pain patients. NeuroImage Clinical. 2025.

Seeliger T et al. Trigeminal Nerve Affection in Patients with Neuro-Sjögren. Journal of Clinical Medicine. 2022.

Luzu J et al. In vivo confocal microscopic study of corneal innervation in Sjögren syndrome. Cornea. 2022.